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Hoher Kontrast

Weniger Windeln, weniger Probleme?

29. September 2026

Könnte unser heutiger Umgang mit Windeln die Entwicklung von Kindern beeinflussen? Und warum beschäftigen Ausscheidungsstörungen Kinderärzt*innen zunehmend, obwohl oft keine organische Ursache gefunden wird? Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch UKBB-Gastroenterologe Raoul Furlano. Im SRF-DOK «Baby unverpackt» und im folgenden Interview erklärt er, warum.

Raoul Furlano, wie sind Sie überhaupt auf das Thema Abhalten aufmerksam geworden?

Eigentlich durch eine Mutter in meiner Sprechstunde. Bei der Untersuchung fiel mir auf, dass ihr sechs Monate altes Kind keine Windel trug. Die Mutter erklärte mir, dass sie ihr Kind «abhalte». Ich muss ehrlich sagen: Damals kannte ich das Thema kaum. Das hat mich überrascht, denn als Gastroenterologe beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit Verdauung, Ausscheidung und Kontinenz. Die Begegnung hat mich neugierig gemacht und dazu geführt, dass ich mich intensiver damit auseinandergesetzt habe.

Was beobachten Sie heute in Ihrer Arbeit?

Mein Team und ich behandeln Kinder mit angeborenen Fehlbildungen sowie chronischen und Autoimmunerkrankungen. Gleichzeitig sehen wir erstaunlich viele Kinder mit chronischen Ausscheidungsstörungen, für die wir keine organische Ursache finden. Dazu gehören beispielsweise Verstopfung oder Einkoten. Diese funktionellen Störungen beschäftigen uns im klinischen Alltag zunehmend. Deshalb interessiert mich alles, was zu einem besseren Verständnis oder sogar zur Vorbeugung beitragen könnte.

«Wir sehen viele Kinder mit chronischen Ausscheidungsstörungen, für die wir keine organische Ursache finden.»

Was genau versteht man unter «Abhalten»?

Beim Abhalten achten Bezugspersonen auf die Signale ihres Babys und geben ihm die Möglichkeit, ausserhalb einer Windel auszuscheiden. Das geschieht beispielsweise über einem Töpfchen, einem Waschbecken oder einer Toilette. In vielen Teilen der Welt ist das nichts Aussergewöhnliches. In westlichen Industrieländern hingegen sind Wegwerfwindeln seit Jahrzehnten zum Standard geworden.

Weshalb halten Sie das Thema für medizinisch interessant?

Mich interessiert die Frage, ob der frühe Umgang mit Ausscheidungen einen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben könnte. Heute tragen Kinder oft deutlich länger Windeln als noch vor wenigen Generationen. Gleichzeitig begegnen wir vielen Kindern mit funktionellen Ausscheidungsstörungen. Ob hier Zusammenhänge bestehen, wissen wir noch nicht. Ich halte es aber für wichtig, diese Frage ernst zu nehmen und wissenschaftlich zu untersuchen.

Im Film sprechen Sie auch die ökologische Dimension an. Warum?

Weil Wegwerfwindeln enorme Mengen an Abfall verursachen. Gleichzeitig übernehmen viele Schwellenländer die Konsumgewohnheiten der Industrieländer. Deshalb stellt sich nicht nur die medizinische, sondern auch die ökologische Frage: Gibt es Alternativen, die sowohl für Kinder als auch für die Umwelt sinnvoll sein könnten?

«Ich kann mir gut vorstellen, dass es Zusammenhänge gibt zwischen Ausscheidungsstörungen und unserem Umgang mit Windeln.»

Sie möchten das Thema künftig wissenschaftlich untersuchen. Was schwebt Ihnen vor?

Mich würde interessieren, ob sich Unterschiede zeigen, wenn Kinder von Geburt an mit unterschiedlichen Ausscheidungspraktiken aufwachsen. Denkbar wäre eine Langzeitstudie mit zwei Gruppen: einer Gruppe mit konventioneller Nutzung von Wegwerfwindeln und einer Gruppe, die von Anfang an abgehalten wird. Dabei könnte man untersuchen, ob Unterschiede bei Koliken, Verstopfung, Einkoten oder beim Zeitpunkt des Trockenwerdens auftreten. Ich kann mir gut vorstellen, dass hier Zusammenhänge bestehen. Genau deshalb sollten wir sie wissenschaftlich untersuchen. Noch handelt es sich jedoch um eine Forschungsidee, für deren Umsetzung zunächst die nötigen Mittel gefunden werden müssen.

Das klingt nach einem aufwendigen Vorhaben. Was motiviert Sie, diese Idee weiterzuverfolgen?

Wir wissen über das Thema noch erstaunlich wenig. Gerade deshalb lohnt es sich, neugierig zu bleiben und bestehende Gewohnheiten zu hinterfragen. Wenn wir dadurch besser verstehen, wie sich Ausscheidungsstörungen verhindern lassen und gleichzeitig Ressourcen sparen können, hätten wir etwas Gutes getan für Kinder, Familien und die Gesellschaft.

Filmtipp

Raoul Furlano wirkt im SRF-DOK «Baby unverpackt – Weniger Windeln, weniger Probleme?» mit. Der Film beleuchtet das Abhalten aus verschiedenen Perspektiven und fragt nach möglichen Folgen unseres Umgangs mit Windeln für Kinder und Umwelt.

Jetzt ansehen auf SRF Play!

Beratungstelefon für Kinder- und Jugendnotfälle

Die Medgate Kids Line liefert schnell und unkompliziert medizinischen Rat, wenn es Ihrem Kind nicht gut geht. Rund um die Uhr steht Ihnen das medizinische Team unseres Partners Medgate telefonisch zur Verfügung.

058 387 78 82
(Abrechnung über Krankenkasse)

Für Notfälle im Ausland: Rufen Sie die Notfallnummer Ihrer Krankenkasse an. Diese finden Sie jeweils auf Ihrer Krankenkassenkarte.

Mehr Informationen: Auf der Seite der Notfallstation finden Sie alles Wichtige zu Verhalten in Notfällen, typischen Kinderkrankheiten und Wartezeiten.

Wichtige Notfallnummern

144 Ambulanz
145 Tox Info Suisse (Vergiftungen)
117 Polizei
118 Feuerwehr

UKBB

Universitäts-Kinderspital beider Basel
Spitalstrasse 33
4056 Basel | CH

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